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Tauchen - Sparte

Eingetragen / aktualisiert am 04.09.2006

von C. Prutscher

Hintergründe zum Entscheid des LG Darmstadt vom 29.01.1999

Aufbereitung der beiden Urteile aus Groß-Gerau und Darmstadt, die sich strafrechtlich mit einem tödlichen Tauchunfall auseinandersetzen, der sich im März 1995 in Kelsterbach (bei Frankfurt a.M.) ereignete.

Um den Ausgang des Verfahrens überhaupt verstehen zu können, muß man zum einen den Sachverhalt im Detail kennen und zum anderen bestimmte Grundregeln des deutschen Strafrechts durchdrungen haben.

Was den genauen Sachverhalt betrifft:

Bei dem Verurteilten - im folgenden A genannt - handelte es sich um einen CMAS**-Taucher (nicht um einen TL, wie z.B. auf der VDST-Seite fälschlich behauptet) mit damals 351 TGs; zum Unfallzeitpunkt (März 1995) war er 38 Jahre alt. Er tauchte seit 1989. Sein **-Brevet hatte er 1990 gemacht und anschließend auch noch Lehrgänge für den Übungsleiter-Schein gemacht, der ihm aber "wegen fachlicher Defizite" nicht erteilt worden war.
Er hatte sowohl im Meer (Ägypten, Malediven) als auch im Süßwasser getaucht, "in Einzelfällen bis 60 m Tiefe". Allein im Mönchswaldsee bei Kelsterbach (Nähe Frankfurt), in dem das Unglück geschah und in dem i.ü. Tauchverbot besteht, hatte er ca. 100 Tauchgänge gemacht.
Das verunfallte Opfer, damals 36 Jahre alt, war eine Frau - im folgenden B genannt -, die 1993 in Ägypten ein PADI-OWD-Brevet gemacht und zum Unfallzeitpunkt 74 Tauchgänge mit einer Gesamttauchzeit von 41 h hatte.

B war - was für das Verständnis der Urteile sehr wichtig zu wissen ist! - nicht nur die Tauchpartnerin, sondern auch die Lebensgefährtin von A und durch diesen überhaupt erst zum Tauchen gekommen.
B war eine dieser Taucherinnen, die (nur) aus Liebe zum Partner tauchen, und war alles andere als eine begeisterte, selbstsichere Taucherin.
Immer war es A, der die TGs organisierte und plante, für die gesamte Abwicklung zuständig war und die Ausrüstung wartete. Wie verschiedene Prozeß-Zeugen berichteten, war B beim Tauchen eher ängstlich und zurückhaltend - was dem A als ihrem Lebenspartner durchaus bekannt und bewußt war.
Die meisten Tauchgänge hatte B naß absolviert, aber seit September 1994 besaß sie einen Trilaminat-Trocki, mit dem sie bis zum Unfall 10 Schwimmbad- und 7 Freiwasser-Tauchgäünge absolviert hatte, davon vier im September bei noch warmem Wasser und die nachfolgenden drei dann erst im folgenden Februar sowie an den beiden Tagen, die dem Unfalltag direkt vorangingen.
Des weiteren ist wissenswert, daß B aus Eitelkeit unter ihrem _Membran_trocki - wie immer - keinen Unterzieher, sondern nur einen Jogginganzug und einen Fleecepullover trug, und das bei einer Wassertemperatur von 6°C! br />
Beide Taucher benutzten 10 l-Flaschen, die A selbst mit dem eigenen Kompressor befüllt hatte. Dieser Kompressor lieferte, wie A sehr wohl bekannt war, Luft mit einem Wassergehalt von 90 mg (!) pro Kubikmeter Luft, obwohl die DIN 3188 ja bekanntlich nur 25 mg zuläßt.
A hatte aber, wie aus den Verhandlungen hervorging, die Investition von ca. DM 1000.- gescheut, um einen entsprechenden Filter einzubauen.
A tauchte mit zwei ersten Stufen, wobei entgegen aller vernünftigen Überlegungen an der einen ersten Stufe der Hauptregler, der Inflator _und_ der Trockianschluß (!) hingen und an der zweiten ersten Stufe dann nur noch der Oktopus.
Welche Regler B benutzte, ist nicht angegeben. Erwähnt wird nur, daß sie ein bleiintegriertes Zeagle-Jacket mit insgesamt 7 kg Blei trug.
Die beiden gingen also, derartig "ausgerüstet", tauchen, wobei sie angeblich schon vorher abgesprochen hatten, daß A an der Abbruchkante auf ca. 6-8 m, wo es dann hinunter ging auf bis zu 34 m, sich von B trennen und alleine hinuntertauchen würde, während sie oberhalb dieser Kante auf ihn warten sollte.
Ca. 20 Minuten nach der Trennung erreichte A wieder die Wasseroberfläche, ohne daß er B wiederfinden konnte. Diese wurde nach ca. 1 Stunde von herbeigerufenen Rettungstauchern aus einer Tiefe von ca. 6 bis 8 Metern tot geborgen.
Den Atemregler hatte B nicht mehr im Mund, ihre Flasche war leer. Die spätere Obduktion ergab Tod durch Ertrinken.

In seiner Urteilsbegründung betont das Gericht, daß A verantwortlich für den Tod der B gewesen sei, weil er sich von ihr unter Wasser getrennt und sie alleine im flacheren Wasser zurückgelassen hatte. Das Gericht führte aus, daß jeder Taucher kann ganz schnell und auch ohne eigenes Verschulden in eine Situation geraten könne, in der er sich selbst nicht mehr helfen könne, zumal bei dem Betroffenen sehr schnell Panik entstehen könne. Durch die Anwesenheit eines zweiten Tauchers kann solchen kritischen Situationen vorgebeugt und in Notfällen schnell geholfen werden.

Das Gericht schloß die Folgerung an, dass dies umgekehrt bedeute, daß sich beim gemeinsamen Tauchgang stets alle Taucher nach dem Schwächsten in der Gruppe zu richten hätten. Wenn dieser - aus welchen Gründen auch immer - nicht tiefer tauchen oder gar auftauchen wolle, hätten sich die anderen Taucher dem anzupassen.

Unerheblich sei im vorliegenden Fall, ob es B angesichts der relativ geringen Wassertiefe von rund 6 m hätte möglich sein müssen, ohne fremde Hilfe wieder aufzutauchen. Entscheidend sei, daß Sinn des hier verletzten Grundsatzes "Tauche nie allein" gerade sei, auch Hilfe in scheinbar einfach zu bewältigenden Notlagen zu geben. Ganz gleich, was das Problem der B gewesen sei, so hätte A jedenfalls die Möglichkeit gehabt, entweder den Inflator ihres Tauchanzuges zu betätigen und ihr so den entsprechenden Auftrieb zu verschaffen, oder aber - wie er dies im Rahmen der Prüfungen für das Tauchsportabzeichen in Silber geübt und nachgewiesen habe - sie zu packen und an die nahe Wasseroberfläche zu schleppen.

Dieser Fall wird zwar an dem Satz "Tauche nie allein!" aufgehängt, aber Urteile sind zwangsläufig stets konkrete Einzelfallentscheidungen. Bei genauem Lesen wird daher erkennbar, daß das Solotauchen bzw. das Sich-nachträglich-trennen unter Wasser nicht per se auch _pflichtwidrig_ ist (was aber zwingende Voraussetzung für das fahrlässige Begehen einer Straftat ist): Die Pflichtwidrigkeit des Handelns des A ergibt sich hier ganz einfach daraus, daß ihm als Tauch- _und_ Lebenspartner *alle* Umstände, die hier zu einer ganz drastischen Steigerung des sonst üblichen Unfallrisikos geführt hatten, bestens bekannt waren und er dennoch nicht adäquat handelte, sondern statt dessen seine eigenen taucherischen Interessen wider besseres Wissen und gegen alle taucherische Vernunft durchsetzte.
Er wußte nämlich, daß

An dieser Situation ändert sich auch dadurch nichts, daß die B ja schließlich selbst damit einverstanden war, daß A sich von ihr trennte, denn aufgrund ihres (fehlenden) Wissensstands konnte sie überhaupt nicht erfassen, _worin genau_, d.h. in welche Form von Risikosteigerung, sie da einwilligte, und dieser Umstand führt zu strafrechtlichen Konsequenzen.

Das deutsche Strafrecht gestattet es zwar durchaus, in die eigene Selbstgefährdung wirksam einzuwilligen. Andere Beteiligte bleiben dabei dann schon deswegen straflos, weil die Selbstgefährdung als solche auch straflos ist. Anders sieht das jedoch aus, wenn diese anderen Beteiligten kraft überlegenen Sachwissens sowohl das Risiko selbst als auch die Tragweite der Entscheidung erheblich besser und realistischer einschätzen können als der Einwilligende selbst.
Dann haften diese anderen Beteiligten nämlich für die Realisierung des Risikos _als Täter_, da ihnen aufgrund dieses überlegenen Wissens eine eigene Tatherrschaft zukommt.

Und genau so war es hier:
Nach allem, was über B bekannt ist, war sie keinesfalls in der Lage, das Risiko, das sie durch ihre Einwilligung in die Trennung einging, auch nur annähernd in all seinen Konsequenzen zu durchschauen, wohingegen A das alles aber zumindest *hätte wissen müssen*, vermutlich sogar definitiv gewußt *hat*. Und deswegen war die Einwilligung der B in diesem Fall unwirksam.

A war (mit)verantwortlich dafür, daß ein Unfall nach Möglichkeit nicht eintrat, weil er der B gegenüber eine sog. Garantenstellung hatte. Diese ergab sich hier ganz automatisch aus der Art der (gemeinsamen) Betätigung. Tauchen stellt nämlich, genauso wie z.B. Bergsteigen, aus der Sicht des Strafrechts eine sog. Parallelsportart da. Das bedeutet: Wenn zwei oder mehrere Personen eine solche Sportart _zusammen_ (!) ausüben, dann bilden sie dadurch eine sog. Gefahrengemeinschaft - ob die Ausübenden das nun wollen oder nicht.

Durch das Vorliegen einer Gefahrengemeinschaft ergibt sich aber aus juristischer Sicht wiederum automatisch und zwangsläufig, daß die Mitglieder dieser Gefahrengemeinschaft einander gegenüber eine Garantenstellung haben - ob sie nun wollen oder nicht.

Vielen Tauchern ist dies nicht bewußt, weil sie dem fälschlichen Glauben unterliegen, "nur" ein TL sei ein Garant für seine jeweiligen Schüler, während zwei "normale" Taucher gleichen Wissensstands "nur" eine Gefahrengemeinschaft bildeten.

Dies trifft so jedoch nicht zu.
Eine Gefahrengemeinschaft bilden _alle_ Taucher, die _zusammen_ tauchen (und sich nicht nur zufällig zur selben Zeit im selben Gewässer befinden), und zwar, wie gerade erwähnt, wegen der Art der gemeinsamen Betätigung. Dadurch sind sie auch _alle_ Garanten einander gegenüber, aber evtl. auf unterschiedlicher Grundlage, denn "Garant" besagt eben (lediglich), daß der Betreffende aus irgendeinem bestimmten Grunde _rechtlich dafür einzustehen hat_, daß ein bestimmter Handlungserfolg nicht eintritt (und bei Nichtbeachtung dieser Pflicht zum Unterlassungstäter wird).
Der TL ist - je nach Situation - Garant aufgrund (Ausbildungs-)Vertrags oder aufgrund sog. Freiwilliger Pflichtenübernahme.
Otto Normaltaucher seinerseits ist ("nur") Garant aufgrund der mit seinem Buddy eingegangenen Gefahrengemeinschaft.

Rechtliche Unterschiede ergeben sich hieraus nicht, aber praktische, und zwar hinsichtlich der Anforderungen an das Mögliche und Zumutbare bei der Erfolgsabwendung. Sie sind beim Tauchlehrer natürlich höher. Das liegt aber nicht an der Art der Garantenstellung, sondern daran, daß das Strafrecht im Gegensatz zum Zivilrecht hier keine allgemeingültigen, sondern auf den jeweiligen Täter und dessen konkrete Möglichkeiten bezogenen Anforderungen stellt. Selbst wenn der eine "Normaltaucher" viel unerfahrener als der andere ist, schließt das die Existenz der Gefahrengemeinschaft in diesem Buddy-Team nicht aus.
Es reduzieren sich jedoch selbstverständlich die Anforderungen bzgl. des diesem Taucher in einer Notsituation Möglichen und Zumutbaren.
Umgekehrt trifft den erfahreneren von zwei oder mehreren Taucher u.U. eine gesteigerte Handlungspflicht wegen sog. "freiwilliger Pflichtenübernahme infolge gesteigerten Wissens und Könnens".

Jeder Garant muß immer das tun, wozu er generell fähig ist und was ihm in der konkreten Situation dann tatsächlich möglich und zumutbart ist. Z.B. wird man einem Tauchlehrer abverlangen können, einem an einer Steilwand "abstürzenden" Taucher in eine größere Tiefe hinterherzutauchen, was man von einem frischgebackenen OWD/Bronze-Taucher natürlich nicht verlangen würde, denn der TL ist dazu durch seine Ausbildung (hoffentlich ;-) ) *generell fähig*. Die Grenze ist aber z.B. dort erreicht, wo aufgrund der konkreten Fallumstände (noch verbleibende Luft, inzwischen leerer Lampenakku o.ä.) eine Rettungsaktion nicht (mehr) möglich ist. Dann ist der betreffende Garant zwar evtl. generell zur Rettung fähig, aber die Rettung ist ihm in der konkreten Situation eben nicht mehr möglich (wobei man aber evtl. versuchen würde, gerade einem Tauchlehrer beim Ausbildungs-Tauchgang vorzuwerfen, daß er seinen eigenen Luftvorrat zu knapp kalkuliert hatte, weil er - je nach Fall und Fähigkeit seiner Tauchbegleiter - mit einem solchen "Noteinsatz" u.U. hättet rechnen müssen).

Aus der Garantenstellung ergibt sich schließlich, daß man bestimmte Handlungspflichten hat, bei deren Nichtbeachtung man sich eben strafbar machen kann, und zwar weit heftiger als durch eine "bloße" unterlassene Hilfeleistung gem. § 323 c StGB, weil die Anforderungen, die das Strafrecht hier an den Betreffenden stellt, infolge der besonderen Beziehung zum Opfer höher sind als die Anforderungen an Herr / Frau Jedermann, die "nur" der ganz allgemeinen Rechtspflicht zur Hilfeleistung entspringen.

Wenn ein Taucher also zusammen mit einem anderen Taucher in den Teich springt, dann heißt das erst mal: "Mitgegangen, mitgehangen."
Wenn der nun unter Wasser großen Blödsinn anstellt und dadurch in eine Gefahr gerät, die sein Tauchpartner erkennt, oder bei Anwendung der nötigen Sorgfalt erkennen *müßte*, muß dieser im Rahmen des ihm Möglichen und Zumutbaren versuchen zu retten, was zu retten ist.
Wenn dann gerade nochmal alles gut gegangen ist, dem Krisenverursacher aber hinterher nicht beizubiegen ist, was da schiefgelaufen ist, dann darf sein Tauchpartner eben künftig nicht mehr mit ihm tauchen. Keinesfalls kann er seinen Kopf retten, indem er ihm erklärt, daß er zwar weiter mit ihm tauchen werde, sich aber in Zukunft für seine Pannen nicht mehr zuständig fühlen werde.

Selbst wenn ein Taucher unter Wasser rein zufällig einem ihm völlig unbekanntem Taucher in Not begegnet, ist er zur Hilfe verpflichtet. Wenn er diese Hilfe nicht leistet, obwohl es ihm möglich gewesen wäre, und der andere Taucher ertrinkt, kommt er mit dem Strafrecht in Konflikt wegen unterlassener Hilfeleistung (sog. *echtes* Unterlassungsdelikt [d.h. man kann es ausschließlich durch Unterlassen, nicht aber durch aktives Tun begehen], für das es auch gar nicht erst einer Garantenstellung bedarf Freiheitsstrafe bis 1 Jahr oder Geldstrafe).
War der zur Hilfeleistung verpflichtete Taucher in derselben Situation dagegen sein Buddy, dann wird ihm seine Untätigkeit als fahrlässige Tötung durch Unterlassen (sog. *unechtes* Unterlassungsdelikt, das zwingend irgendeine Form der Garantenstellung voraussetzt, um überhaupt begangen werden zu können - Freiheitsstrafe bis 5 Jahre oder Geldstrafe) ausgelegt.

Da der A nun aber zusammen_ mit B den TG begann, war er als Garant eben auch für die weiteren Ereignisse (mit)verantwortlich.
Aufgrund der Gesamtumstände und seines Wissens hätte er die B niemals auch nur eine Minute sich selbst überlassen dürfen, was für ihn als erfahrener(er) Buddy und Lebensgefährte auch erkennbar war.
Der Umstand, daß A dennoch nicht dementsprechend handelte, macht sein Handeln pflichtwidrig und führte letztendlich zur Verurteilung. Die Revision...

"Amtsgericht Groß-Gerau, fahrlässige Tötung; Urteil vom 19.11.1997; AZ: 34 Ls 14 Js 35155/95


Urteil der 1. Instanz, Urteil 2. Instanz.

Wer als erfahrener Taucher einen Tauchgang mit einem im Trockentauchen ungeübten Tauchpartner gemeinsam unternimmt, hat aufgrund einer bestehenden Lebens- und Gefahrengemeinschaft eine Garantenstellung gegenüber dem Tauchpartner.

Führt der erfahrener Taucher den Tauchgang unter Verletzung des obersten Gebotes „Tauche nie allein“ in größerer Tiefe allein durch und läßt den Tauchpartner in geringerer Tiefe allein zurück, macht er sich einer fahrlässigen Tötung durch Unterlassen schuldig, wenn der Tauchpartner aufgrund eines Tauchunfalls ertrinkt und er dies hätte verhindern\rkönnen, wenn es den Tauchpartner nicht allein zurückgelassen hätte.

Unbeachtlich ist für die Strafbarkeit in einem solchen Fall, wenn der Alleintauchgang des Tauchlehrers in größere Tiefen vorher abgesprochen war und damit der Tauchpartner in die Selbstgefährdung eingewilligt hat. Denn der Tauchlehrer kann aufgrund seiner Sachkenntnis das Risiko besser einschätzen und vermag zu erkennen, daß der Tauchpartner und das spätere Opfer die Tragweite seines Entschlusses nicht überblickt.

 

Tauchunfall mit Todesfolge