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Kritik - Sparte

Eingetragen / aktualisiert am 22.02.2015

Noch fahren meine U. und ich je eine BMW 1200 GS, ich eine Rallye, sie eine Adventure, die eierlegenden Wollmilchsäue...
Wir werden aber zukünftig keine Motorradreisen mit viel Gepäck mehr unternehmen, dekadent werden wir unsere Mopeds hinter unserem Wohnmobil auf einem Anhänger mitschleppen oder eines auf einem Träger packen wollen. Darum darf das Gewicht 185kg Fahrbereit nicht übersteigen. Hier ändern sich die Anforderungen an das Motorrad. Auch habe ich die kleinen Kurvenhatzer lieben gelernt.

Wieso diese beiden Motorräder, die sich schon äußerlich deutlich unterscheiden?

Beide Motorräder gehören in Kategorie klein, leicht und mit viel Dampf für die Straße und geeignet für Schotter und leichtem Gelände. Alles Andere ist entweder zu schwer und knackt die 200kg-Marke oder sind zu schwach auf der Brust.
In der Klasse gibt es im Moment nur diese beiden Motorräder, vertreten aber völlig unterschiedliche Philosophien!
Deshalb soll der folgende Erfahrungsbericht nicht darstellen, welches Motorrad besser ist oder gar einen Testsieger ermitteln, sondern nur die spezifischen Eigenheiten und Charakter, jeder möge für sich entscheiden, welches Motorrad für ihn das Bessere sei oder zu ihm passt!
Preislich liegen die Ducati Scrambler und KTM Duc 690 R auf einem Niveau bei um 9.000 Euro.
Ich habe mir dann mal 2 Tage Zeit genommen und die beiden Motorräder ausprobiert.

Direkt zum Bericht:
KTM Duke 690 R
Ducati Scrambler

Das leichte Motorrad mit viel Leistung für Straße und Schotter oder leichtem Gelände

Unsere Anforderung ist einfach: Klein, leicht bis maximal 185 Kilo fahrbereit mit viel Leistung für die Landstraße und Schotter oder leichtem Gelände gleichermaßen geeignet. Wir kratzen gerne enge Kurven auf kleinen Straßen, Passstraßen mit Serpentinen und auch mal den unbefestigten Feldweg in den Bergen oder die Schotterpiste.
Gleicheitig wünschen wir Dampf und Leistung, nicht für hohe Geschwindigkeiten, aber um auch am Berg jenseits von 100km/h noch mal richtig beschleunigen zu können.
Die Ducati Scrambler und KTM Duc 690 (R) sind unterschiedlich, haben aber genau hier diesen gemeinsamen Nenner. Gab es bis vor ein paar Jahren noch etliche Motorräder, die diesen Ansprüchen entsprachen, sind es im Moment eigentlich nur noch diese Beiden die auf dem Markt zu finden sind!

KTM Duke 690 R

Fotos: DIGImik M.Scharrer
KTM Duke 690Optisch sieht die KTM Duke 690 R schon so richtig leicht aggressiv sportlich aus. Der Eintopf macht 70 PS frei und das bei einem Gewicht (ohne Sprit) von knapp 150 kg.
Ich setzte mich mit meinen 1,85 drauf und es passte gleich. Die Sitzposition, der Winkel des Knies, der Abstand zum Lenker und die Lenkerhöhe, der Schuh passte auf Anhieb.
Allerdings war für meine Füße der Schalthebel etwas zu hoch, hatte mich da aber schnell dran gewöhnt.

Motor anlassen: Den Eintopf hört man deutlich werkeln, der Sound ist nichts besonderes, Motorrad halt.
Ich lege den 1. Gang ein und will los...
Der Weg zum Kupplungsgriff ist recht lang für meine Hände, da müsste ich wohl etwas einstellen. Ein kurzer leichter Zug und die Kupplung löst sehr früh. Der Zugriff der Kupplung erschien mit allerdings etwas zu schwammig.

Hier machte ich dann gleich die Bekanntschaft mit der Motorcharakteristik. Wie gewohnt mit wenig Gas anfahren war wohl nicht richtig. Die Duke schüttelte sich und kam nicht in die Pötte.
Zunächst mal warm fahren, auch hier wie gewohnt mit nicht zu hohen Drehzahlen um 2.900/UPM im 4. Gang in der Stadt. Wirklich ruhig lief sie hier nicht und als ich mit leichter Beschleunigung ein Auto überholen wollte, zeigte der Eintopf deutlich seine Abneigung.

Erst mal ein wenig Schlangenlinie fahren, Kurven gibt es hier ja kaum und dann kam ein Kreisverkehr. Ich hatte das Gefühl, ich säße auf einem Fahrrad ;-)
Leicht und wieselig, im Kreisverkehr hatte ich mich dann ein wenig erschrocken. Ab einem bestimmten Punkt fällt die Duke 690 R in die Kurve rein, ups, schnell  Gas...

Duke 690 TachoDie erste Landstraße, bzw. Feldweg erreicht, die Duke ist warm und hier gibt es sogar ein paar Kurven. Ich spüre, die Duke will nach vorne...
Junge, Junge, die 70 PS bei 150 kg, meine 85kg dazu, das geht schon so richtig ab. Man spürt förmlich den Bewegungsdrang der Duke.
Bei um 4.000 UPM kann man sie auch schön gleichmäßig laufen lassen, aber ein kleiner Dreh am Gasgriff und man spürt wieder den Drang. Erreicht man erst mal die 5.000 UPM, dann geht sie richtig nach vorne. Dieser Drang ist auch deutlich hörbar, die Duke schrie mich förmlich durch den Helm an, will sagen, leise ist sie nicht gerade ;-)
Ich habe ja keine Messungen durchgeführt, aber gefühlt hatte ich den Eindruck, dass ich zumindest bis 100 km/h sogar meine BMW 1200 GS würde stehen lassen, ich musste mich schon ziemlich an den hohen Lenker fest halten, um nicht runter zu fliegen.
Ich zockelte an ein paar Wollkühen vorbei, nein, langsames fahren mag die Duke nicht. Entweder stottert der Motor, muss mit der Kupplung spielen oder man bewegt sich bei diesen geringen Geschwindigkeiten in Drehzahlbereichen, die mir unangenehm im Ohr klingen. Also wieder Gas...

Das Fahrwerk ist straff und sportlich ausgelegt. Womit ich gar nicht gerechnet hatte: Ich befuhr eine kleine humpelige Straße mit Löchern und Beulen, all diese Unebenheiten hat die Duke platt gebügelt und die Räder klebten am Boden. Das war eine richige Freude.

Die Kurven nahen und ich beging erst mal einen Fehler ;-)
Gewohnt mit nicht all zu hoher Drehzahl und Geschwindigkeit rein um daraus heraus zu Beschleunigen. Zunächst war ich wohl zu langsam, die Duke neigte sich in die Kurve, wurde recht unangenehm eierig instabil und der Motor machte von unten keinen Druck. Ist halt keine BMW ;-)
Ok, dann halt anders und Gummi geben. Mit Stoff und wenigstens 5.000 UPM auf der Uhr und mit noch mehr Stoff wieder raus. Jetzt kommt pure Freude auf :-)

Zur Entspannung gings nun auf einen unbefestigten Feldweg. Ich stelle mich hin, auch hier passt alles für meine 1,85 m. Selbst mit der Straßenbereifung hat das richtig Spaß gemacht und die Duke war leicht zu händeln.

Fazit:

Die KTM Duke 690 R macht genau das, wofür sie konzipiert ist, sie ist eine kleine sportlich giftig handlich bissige Hornisse und kein Motorrad für Leute, die gemütlich durch die Gegend bummeln wollen. Sie ist da, um auf kleinen Straßen mit Gas flott durch die Kurven getrieben zu werden. Konzipiert für Leute, die ebenso den Drang nach vorne verspüren und wo immer ein wenig mehr an Adrenalin durch das Blut fließt. Kurven jagen und wieseln, Fun pur...
Daten und Bilder: KTM

Ducati Scrambler

Ducati ScramblerSchon optisch sieht man, dass hier eine völlig andere Philosophie vertreten wird. Von 1962 bis 1978 bot Ducati bereits eine Reihe unterschiedlicher Scrambler-Modelle an. An diese Tradition, verbunden mit der Moderne will Ducati anknüpfen. Die Scrambler soll mit den 4 unterschiedlichen Versionen Icon, Classic, Urban Enduro und Full Throttle die man auch in der Ausführung untereinander kombinieren kann, für Freiheit und Individualität im Mororrad und auf der Straße stehen.
Eigentlich ein Straßenmotorrad, ist die Scrambler jedoch mit einem kleinen Stollenprofil ausgestattet. Schon jetzt ist zahlreiches Zubehör erhältlich, welches eher an die Classic von damals erinnert. Schon hier erkennt man die andere Philosophie. Die Frage ist hier, ob bei all der Klassik auch Kompromisse in der Technik und beim Fahren eingegangen werden müssen.
Gleich fiel der Kupplungszug auf, nix Hydraulik. Rümpf, aber dennoch war davon nichts zu spüren, der Kupplungszug arbeitete sauber und Präzise, besser als bei der Duke.

Drauf setzen, auch hier passte für mich gleich alles, alles optimal, sich einfach wohl fühlen.
Motor starten, aha, man hört es gleich, eine Ducati.
Anfahren, ich spüre bei der Ducati Scrambler gleich die andere Motorcharakteristik. Sanft ohne sich der niedrigen Drehzahlen zu wehren ging es los. Ich dann gleich mal im Stehen im Standgas enge Achten gedreht. Völlig easy und ohne dass der Motor gekotzt hätte. Mit der Duke hätte ich das so nicht hin bekommen, nur mit höherer Drehzahl und Spiel mit der Kupplung.

Ducati ScramblerRauf auf die Straße, auch hier durch Kreisverkehre und über kleine hubbelige Straßen mit ein paar engen Kurven. Teils hatte ich meine U. hinten drauf, von ihr hatte ich gar nichts gespürt, da ist ja fast meine BMW sensibler ;-)
Die Ducati Scrambler ist absolut handlich wie ein Fahrrad, hat aber nicht die Neigung, kippelig zu werden. Man kann auch mit nicht so hoher Geschwindigkeit auch ohne am Gas zu hängen schräglagig um die Ecken fahren. Große Radien sind mit der kleinen und leichten Scrambler auch mit hohen Geschwindigkeiten ebenso stabil zu fahren. Hier erlebt man keine Klassik, sondern die Moderne!

Jede Unebenheit wurde glatt gebügelt, zumindest mit meiner U. hinten drauf, obwohl das Fahrwerk der Scrambler recht straff ist. Die Räder verloren auch nicht den Grip, wenn es flott und hoppelig durch die Kurven ging.
Im Solobetrieb ist die Scrambler aber zu hart, hier musste ich eine Stufe runter. Leider kann man an der Gabel nichts machen, die ist eindeutig zu hart, da kann auf einer hubbeligen Straße schon mal der Grip verloren gehen weil sie hoppelt.
Klar, wie auch im späteren Einsatz geplant, ging es über einen Feldweg. Das im Stehen fahren ist völlig entspannt und angenehm, die Lenkerhöhe ist optimal und mit Leichtigkeit geht es über den Sand.
Hier spielen die Reifen ihre Vorteile aus. Klar, das sind keine richtigen Stollenreifen, dafür sind die Blöcke zu flach und zu groß. Aber der Unterschied zu reinen Straßenreifen ist deutlich spürbar. Auf Feldwegen kommen  keine Unsicherheiten auf.

In der Ducati Scrambler werkelt ein typisch Ducati anzuschauender Luft-/Ölgekühlter V2-Viertakt-Motor mit 90° Zylinderwinkel mit 75 PS. Die Full Throttle soll wegen des Sportauspuffs sogar noch ein paar PS mehr haben.
Das Mehr an PS ist gegenüber der Duke ist nicht wirklich spürbar. Die Ducati Scrambler bringt ja auch mit 180 kg gut 30 kg mehr auf die Waage. Sie macht auch richtig Dampf, aber ohne diesen hornissenartigen Biss und vor allen Dingen fängt sie nicht so an zu brüllen. Die Leistungsentfaltung insgesamt ist recht homogen.
Dafür läuft die Ducati Scrambler auch noch bei 2.000 UPM rund und zieht auch von dort heraus. Dieses von unten raus Beschleunigen in engen Kurven, ja das macht richtig Spaß.

An der Schaltung sollte Ducati allerdings noch arbeiten. Zwar arbeitet die exakt und gehörlos leichtgängig, aber der Leerlauf, bzw. neutral, ist bei einigen Modellen so gut wie nicht rein zu bekommen.
Ebenso ist es bei Einigen so, dass man beim Runterschalten vom 6. in den 5. im Leerlauf landet.
Ist aber alles marginal...
Wo aber wirklich etwas getan werden muss, das ist an der Vordergabel, die ist einfach zu hart, es sei denn, man ist nur zu zweit unterwegs ;-)

Fazit:

Die Ducati Scrambler vermittelt eine Lebensphilosophie. Sie ist eine Symbiose zwischen Klassik und Moderne. Gelassen genießen und Erleben auf allen Straßen und Pfaden
Schon erkennbar, dass sie mit einem grobstolligen Enduro-Reifen ausgestattet ist.
Spaß und Freude der gelasserenen Art. Es mal ein wenig krachen lassen zu können, aber ohne Adrenalin oder mal das gemütlichere zockeln und das auf allen Wegen.
Die Ducati Scrambler vermittelt nicht nur das Gefühl, sondern die Scrambler hält auch was sie verspricht.
Daten und Bilder: Ducati Scrambler

Welches Motorrad für wen?

Unglaublich Spaß machen sie beide, gerade die Verbindung leicht und Leistungsstark macht Spaß. Beide brauchen die kurvige Landstraße. Allerdings sind die Konzepte und Philosophien völlig unterschiedlich.

Zum Kurven hatzen sind sie beide geboren...
Die KTM Duke ist hier sensibler im Fahrstil und benötigt den drive am Gas, für Anfänger halte ich das Motorrad deshalb nicht wirklich für geignet. Anders bei der Ducati Scrambler, die Kurvenhatz läuft hier gelassener ab. Hier muss nicht unbedingt auf die richtige Drehzahl  oder Mindestgeschwindigkeit geachtet werden. Die Ducati ist einfach gutmütiger.

Der Hitzkopf, der Drehzahlen braucht, bei dem es nach vorne gehen soll, bei dem das Wort "langsam" nicht im Sprachschatz vorhanden ist, für den ist die Scrambler nichts, der ist eindeutig bei der KTM Duke 690 R aufgehoben und genau hier spielt die Duke ihre Vorteile aus, die braucht das einfach.

Die gelasseneren Typen, die nicht immer die hohen Drehzahlen brauchen, die darauf stehen, dass ein Motorrad auch aus dem Keller kommen muss. Die trotzdem auch mal die Serpentinen hatzen wollen, die auch mal den schottrigen Weg oder Bergpass fahren wollen. Die vielleicht ein wenig nostalgisch sind, ohne aber auf moderne Technik zu verzichten und die Nostalgie auch nach außen tragen möchten.
Der Typ Mensch, der in Jeans, Lederjacke und Halbschale durch entlegende Dörfer fährt...
Für die gibt es nur die Ducati Scrambler, nichts anderes, für die wäre die Duke wahrscheinlich der Horror ;-)

Was es für mich wurde, klar, die Scrambler ;-)
Seite April 2015 meine und hier ein paar Gedanken und Bilder

 

Ducati Scrambler vs KTM Duke