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Tauchen - Sparte

Eingetragen / aktualisiert am 05.02.2008

Zitat aus Tauchen Ausgabe 11/2007 Artikel Höhlen für Profis, Seite 35:
Man muss einen 30-minütigen Deko-Stop einhalten, da sich aufgrund des warmen Wassers der Körper stärker mit Stickstoff aufsättigt.
Diese Aussage ist so alleine betrachtet definitiv falsch!
In der Regel nimmt die Löslichkeit von Gasen in Flüssigkeiten mit steigender Temperatur ab!
Eine Abweichung von der Proportionalität zwischen Gasdruck und Gleichgewichtskonzentration macht sich erst bei hohen Drücken bemerkbar.

Dies habe ich hier unter Blödsinn aufgeführt, da dieser Satz alleine betrachtet so nicht richtig, bzw. irreführend ist und es der heutige Normaltaucher so ungeprüft u.U. glaubt.

Mir ist klar, was die Tauchen damit aussagen wollte, aber es kommt nicht herüber und so habe ich der Tauchen per Mail meine Kritik an dem Satz übersandt.
Tatsächlich ist die Problematik viel komplizierter und was die Tauchen vielleicht wirklich sagen wollte, aber bezüglich dieses Tauchganges in der Kürze des Artikels nicht darstellen konnte, wird in einer netten Antwortmail eines kompetenten Arztes beantwortet.

In der Quintessenz ist die Kernaussage in der Tauchen  m.E. zwar falsch, aber um einmal auf die Problematik Temperatur und Dekompression einzugehen,  veröffentliche ich mal in Auszügen diese Antwort der Tauchen durch einen kompetenten Arzt:

Sehr geehrter Herr ...,

der von Ihnen monierte Satz stammt zwar nicht von mir, aber Ihre Sicht der Dinge ist leider völlig falsch,
der kritisierte Satz hingegen ist so zwar nicht ganz richtig – aber auch nicht ganz falsch…

Und aus physikalischer Sicht haben Sie sogar recht: natürlich lösen sich in kalten Flüssigkeiten Gase besser und mehr, als in warmen.

Das bedeutet, dass dort, wo die initiale Aufsättigung stattfindet, nämlich in der Lunge und den Lungengefäßen, wo, was die Temperatur angeht, konstante Bedingungen herrschen…
Unabhängig davon, ob das Wasser kalt oder warm ist, in dem der Taucher taucht.

Trotzdem hat Kälte, da haben Sie schon Recht, einen Einfluss auf die Dekompressionsproblematik: Tatsächlich ist es nämlich so, dass die Bluttemperatur in der Haut, an den Unterarmen und Unterschenkeln erheblich unter den 37°C liegen kann, zumindest auf der venösen Seite. Dieses zurückfliessende Blut wird dann nach dem Gegenstromprinzip wieder erwärmt. Tatsächlich kann dieses Blut dann sogar mehr Stickstoff aufnehmen – wohlgemerkt: nicht bei der Aufsättigung (s.o.), sondern bei der Entsättigung…

Das Problem ist aber ein völlig anderes: kommt es zur Kältereaktion kommt es zur Engstellung von Gefäßen in der Peripherie, d.h. der in den von diesen Gefäßen entsorgten Geweben während der Aufsättigung vermehrt aufgenommene Stickstoff kommt nicht mehr raus, kann nicht abtransportiert werden. Das Problem ist also nicht ein Problem des der Temperatur des Lösungsmediums, sondern der Kontaktfläche!

Warum nun nicht heiss Duschen/Baden/Saunen? Na, ganz einfach: das hat wieder keinen Einfluss auf die Bluttemperatur, sondern auf die weite der peripheren Gefäße: der Stickstoff hängt fest, jetzt werden die peripheren Gefäße durch die heisse Dusche mit einem Schlag maximal eröffnet, gleichzeitig wird das Herzzeitvolumen gesteigert – und der Stickstoff wird mit einem Schlag freigesetzt….

Alles klar?

Nochmal: die Determinante für die Aufsättigung von gasen in einer Flüssigkeit nach henry sind:
a)    die Art der Flüssigkeit
b)    die Art des Gases
c)    der Löslichkeitskoeffizient alpha
d)    die Zeit
e)    die Kontaktoberfläche
f)    die Temperatur der Flüssigkeit

Im Themenbereich „Physik“ müssen alle diese Faktoren benannt werden. Im Themenbereich „Tauchmedizin“ sind nur d + e variabel, alle anderen Determinanten konstant!

Ok. Wer taucht denn nun wie?

Am „sichersten“ taucht der Taucher, der frierend ins Wasser steigt, unter Wasser friert und frierend wieder raus kommt – das ist zwar unrealistisch, doch in diesem Fall ist die periphere Aufsättigung am geringsten.

Wer die ganze Zeit “schwitzt“ – das merkt man natürlich unter Wasser nicht – sättigt peripher recht gut auf, so ist wahrscheinlich der von Ihnen monierte Satz zustande gekommen.

Am schlechtesten ist der dran, dem beim Beginn des Tauchgangs warm ist, der unter Wasser schwitzt und sich ggf auch anstrengt – um dann beim Austauchen zu frieren. Der hat sich richtig gut aufgesättigt, beim Frieren kommt aber nicht mehr alles Gas raus (s.o.).

Konnte ich etwas Klarheit in das Durcheinander Physik/Medizin/Deko/Henry bringen?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. med. bekannt
Facharzt für Anästhesiologie, Notfallmedizin, Spez. Schmerztherapie
Sportmedizin, Tauch- und Überdruckmedizin (GTÜM)
Staatl. anerkannter Tauchlehrer, CMAS TL ***, DLRG TL III
Lehrbeauftragter der Universität xxx
Leiter des Ausschusses Tauchmedizin der GTÜM

Oberarzt der Klinik
Universitätsklinik für Anästhesiologie
Sektion Spezielle Anästhesie
Universitätsklinikum xxx

 

Deko und warmes Wasser